Geschichte der enespa
Bild: Stefan Abele (ehem. Chief Operating Officer, verstorben November 2024) und Cyrill Hugi (Chief Executive Officer) in den Produktionsräumen, wo unsere Prototypen für das chemische Recycling entwickelt und intensiv getestet werden.
Es begann mit einem lockeren Abendessen. Denn die besten Ideen entstehen nicht am Schreibtisch, sondern auf Servietten. Sie tauchen scheinbar aus dem Nichts auf, haben aber immer eine Vorgeschichte.
Die Geschichte von enespa handelt von Landmaschinen, Rapsöl und Blockheizkraftwerken und spielt an mehreren Schauplätzen in Europa. Was scheinbar nicht zusammenpasst, musste in genau dieser Reihenfolge stattfinden, um an einem Abendessen in Appenzell Gestalt anzunehmen. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich, Cyrill Hugi, der erfolgsverwöhnte Manager, 10 Jahre später mit den letzten 5 Franken auf meinem Konto um die Existenz meiner Mitarbeitenden bangen müsste.
Plastik ist eine Ressource, die wir heute einfach wegwerfen und die darum zum Umweltproblem geworden ist.
Auf dem Weg mit der enespa sollte ich viele Täler durchschreiten. Aber ich hatte seit jenem Abendessen eine Vision vor meinen Augen: Eine Welt ohne Plastik-Abfall. Denn Abfall, insbesondere Plastik, ist eine Ressource, die wir heute einfach wegwerfen und die darum zum Umweltproblem geworden ist. Tiere krepieren wegen uns im Meer. Die Folgen von Mikroplastik für uns Menschen sind wir gerade erst am erforschen. Die Zukunft sieht nicht so gut aus für meine vier Söhne, wie sie noch für mich in ihrem Alter ausgesehen hat.
Rapsöl zur CO2-Reduktion
Beim Abendessen im Januar 2008 haben Stefan Abele und ich uns entschlossen, unsere Idee, Blockheizkraftwerke mit Rapsöl zu betreiben, fallen zu lassen. Mit Raps wollten wir damals CO2 einsparen, weil die Nutzung eines nachwachsenden Rohstoffs weniger schädliches CO2 in die Umwelt frei setzt, als es bei der Verbrennung von fossilem Öl der Fall ist. Ausserdem ist der volumenbezogene Heizwert aufgrund der höheren Dichte von Rapsöl mit ca. 34.590 kJ/l nur um etwa 3% geringer als der Heizwert für Dieselkraftstoff mit 35.870 kJ/l.
Plastik-Abfall sollten wir nicht einfach verheizen, sondern in den Kreislauf zurückführen.
Rechnerisch hat sich die Verwendung von Raps zunächst gelohnt. Das Raps-Öl haben wir selber produziert. Wir sind bis zur Ukraine gefahren um Raps zu kaufen und haben es selber gemahlen und gepresst. Weil die Preise für Raps aber stiegen, rentierte sich das plötzlich nicht mehr. Ausserdem kam unser Gefühl hinzu, dass es falsch ist, ein Lebensmittel zu verbrennen.
Plastik-Kreislauf
Auch Plastik hat einen hohen Heizwert: Während Holz beispielsweise einen Wert von 18 MegaJoule pro Kilogramm (MJ/kg) und Kohle einen Wert zwischen 27 und 33 MJ/kg erzielt, liegen Polypropylen (PP) und Polyethylen (PE) – Kunststoffe, die bevorzugt für Folien und Verpackungen genutzt werden – mit bis zu 46 MJ/kg weit darüber. Nach dem Essen und noch am Tisch beschlossen Stefan Abele und ich, Plastik-Abfall nicht einfach zu verheizen, sondern den Kreislauf zu schliessen, um noch viel mehr CO2 einsparen zu können. Wenn neues Plastik aus altem Plastik entsteht, wird weniger fossiles Erdöl dafür verwendet. Heute wird 99% des Plastiks aus fossilen Brennstoffen hergestellt. Jedes Jahr steigt die Menge an Plastik auf der Welt: In unseren Meeren, in unserem Essen, überall. Und die Auslagerung in ein Land wie zum Beispiel China kann dieses Problem nicht lösen
Wir wollen das Ursprungsmaterial zurückgewinnen: Rohöl. Damit lassen sich alle Kunststoff-Arten herstellen, die die Industrie braucht.
Nur mit einer Kreislaufwirtschaft können wir dem Plastik in der Umwelt die Stirn bieten. Das Ziel der enespa ist es, in Zukunft alle Arten von Plastik, vom alten Plastikstuhl über kaputte Nylonstrümpfe bis hin zum abgefahrenen Auto-Reifen – einfach alles, was aus Kunststoffen und somit Erdöl oder Gummi erzeugt wurde – zurück in den Kreislauf zu bringen.
Heizwerte
- Holz 18 MJ/kg
- Kohle 27-33 MJ/kg
- Kunststoff 46 MJ/kg
Recycling-Technologie
Gesagt, getan? So einfach war es dann doch nicht. Im Gegensatz zum Recycling einer einzelnen Plastikart zum Beispiel PET, wo PET-Granulat geschmolzen wird, um Recycling-PET-Flaschen zu erhalten, wollten wir das Ursprungsmaterial gewinnen: das Kunststoff- oder Rohöl. Nur daraus lassen sich alle Kunststoff-Arten herstellen, die die Industrie braucht. Ich habe mich an meinen Vater erinnert. Er ist in der Kriegszeit einen sogenannten Holzvergaser gefahren. Mit Holzvergasern hat man im zweiten Weltkrieg den Treibstoffmangel überbrückt. Die Funktionsweise: Holz wird unter hoher Temperatur zu Gas und flüssigem Kraftstoff umgewandelt. Ich dachte: wenn das geht, muss es doch auch beim Plastik möglich sein. Und tatsächlich! Mit dem sogenannten Pyrolyse-Verfahren findet eine chemische Umwandlung von Plastik zu Öl statt.
Allen Ergebnissen zum Trotz: Ich wollte beweisen, dass eine rentable Produktion möglich ist.
Wir wollten also eine Maschine kaufen, die aus Alt-Plastik Rohöl macht. Die ersten zwei Jahre bin ich von Pontius zu Pilatus gereist. Von Hersteller zu Hersteller, um Maschinen für uns anzusehen, mit Fachleuten zu sprechen und mir Wissen anzueignen. Danach wusste ich eines ganz sicher: Es gab weltweit keine Maschine, die das leisten konnte, was wir im Sinn hatten. Wo doch die Idee so gut ist, warum hat das noch niemand vor uns getan?
Was in der Theorie machbar ist, war in der Praxis bisher nicht möglich: Die rentable Öl-Gewinnung aus gemischtem Plastik. Die Herstellung des Produkt-Öls braucht Energie. Und wenn das, was wir an Energie reinstecken, nicht um ein Vielfaches wieder herauskommt, sind wir nicht rentabel. Genau daran scheiterten bisher alle Maschinen, die ich mir angesehen habe. Dennoch wollte ich die Idee nicht aufgeben. Allem zum Trotz: Ich wollte es selber versuchen und den Beweis erbringen, dass eine rentable Produktion möglich ist.
Tüftlerzeit in Bulgarien
Durch meine Recherche habe ich per Zufall die richtigen Leute in Bulgarien kennengelernt. Einen Chemiker und zwei Ingenieure. Leute von der Universität in Sofia, die über den nötigen Tüftlergeist verfügten, um mit mir zusammen die ersten kleinen Versuchsanlagen zu bauen. Schweissen und Schleifen funktioniert immer noch gleich, wie zur Zeit meiner Lehre als Schmied und Landmaschinen-Mechaniker und so haben ich mit angepackt. Mit diesen Leuten zusammen konnte ich schliesslich nach drei zähen Jahren den Beweis lieferen, dass es eben doch geht.
Ich gab meinen gut bezahlten Manager-Posten auf. Viele schüttelten damals den Kopf. Heute werde ich dafür bewundert.
Die Zeit in Bulgarien hat mich demütig werden lassen. Wer in der Schweiz hätte bei -15° draussen vor unserer offenen Baracke, dicke Stahlträger geschweisst oder in einem Kessel Plastik gekocht? Wir West-Europäer neigen schnell dazu, dass wir nur unsere West-Technologie als das Mass aller Dinge betrachten. Das ist arrogant und stimmt nicht. Ich gehe soweit und behaupte, dass man richtige Improvisation nicht bei uns lernen kann. Erst in Bulgarien, einem Land das komplett anders als die Schweiz, Deutschland oder Italien funktioniert, habe ich das gelernt.
Beginn in Deutschland
Mit dem Beweis in der Tasche, machten Stefan Abele und ich in Deutschland, seiner Heimat, weiter. Einem Land, wo man sich auf Zusagen, Zeitvereinbarungen und Pünktlichkeit verlassen kann. Wir haben in Neuried, in der Nähe von München, wo ich eine Zeitlang gelebt habe und damals auch Stefan Abele kennenlernte, einen Subunternehmer gefunden. Mit dem haben wir die letzten 5 Jahre zusammengearbeitet und unsere «Plastic-to-Oil»-Maschine weiterentwickelt.
Banken und Grossinvestoren, alle die Geld haben, unterstützen uns nicht. Auch vom Staat gabs keine Subventionen.
Der Aufbau unseres Standorts in Neuried war der Moment, wo ich meinen gut bezahlten Manager-Posten aufgegeben habe, um mich auf enespa konzentrieren zu können. Viele haben damals den Kopf geschüttelt oder mit grossem Erstaunen reagiert. Heute ist es anders. Heute werde ich für meinen Mut bewundert. Weil wir gute Leute brauchten, waren wir von Beginn weg sehr flexibel. Neben Ingenieuren in Deutschland haben wir mit Michele Loscalzo bis heute auch einen exzellenten Mann aus Italien bei uns. Wichtig war es für uns schon immer, die richtigen Leute zu haben. Deren Fähigkeiten sind für uns wichtig, nicht wo diese zu Hause sind.
Rückschläge
Ich hatte 12 Jahre lang die enespa komplett aus eigener Kraft finanziert. Mit dem Wechsel nach Deutschland und der Weiterentwicklung der Anlage, stiegen die Kosten. Doch für alle, die Geld haben – Banken und Grossinvestoren –, ist das Risiko zu hoch, der Profit zu gering. Auch vom Staat gabs keine Subventionen. So blieb uns nichts anderes übrig, als Privatpersonen zu fragen, ob sie uns finanziell unterstützen wollen, damit wir weitermachen können. Wir verkauften Obligationen. Viele Privatpersonen fanden unsere Idee gut und wollten uns unterstützen.
Natürlich ist nicht immer alles «Happiness»
Neben der Sicherstellung der Finanzierung hatte ich es in den letzten 20 Jahren der enespa auch mit Betrügern zu tun. Einmal habe ich darum Geld verloren, ein anderes Mal kam raus, dass einer mir Konstruktions-Pläne verkaufte, die er gestohlen hatte. Jeder Unternehmer muss mit solchen Rückschlägen umgehen können. Was mir jedoch nie in den Sinn gekommen wäre, war die FINMA. Diese Zeit brachte mich an meine Grenzen.
Tief- und Wendepunkt
2018 kam eines Tages wie aus heiterem Himmel und in Form eines Hurrikans die FINMA. Ich wünsche es niemanden, die gleiche Erfahrung machen zu müssen. Die FINMA hat erst alle Konten gesperrt, dann musste ich die Schlüssel abgeben. Ich fühlte mich wie ein Verbrecher, obwohl dazu kein Grund bestand. Und dann kam das lange Warten. 18 Monate lang haben die Beamten jeden Stein zweimal umgedreht. Die meiste Zeit hatte ich keine Informationen, wusste nicht, wie es weitergeht.
Als ich Ende Juni an einem sehr heissen Nachmittag mit meinem Anwalt einen Termin in der Depandance der FINMA in Zürich hatte und beim Hereinkommen die angenehme Temperatur im klimatisierten Büro erwähnte, meinte die Empfangsdame flapsig: «Mal schauen, ob sie es nach dem Termin immer noch so kühl finden.» Das hat mich unglaublich tief getroffen. Diese fehlende Empathie. Es ging immerhin um die Existenz meiner Firma und die Sicherung von Arbeitsplätzen.
Heute lassen wir jeden Vertrag doppelt und dreifach checken.
Das Grossaufgebot der FINMA hat nichts als ein paar Formfehler ans Licht gebracht. Formulierungen in einem Vertrag, die nicht präzise genug waren. Später sagte man mir, dass die FINMA rund 1000 solche Untersuchungen durchführe pro Jahr und dass wir bis jetzt erst das dritte Unternehmen seien, das die lange Ermittlungszeit der FINMA überlebt hätte. Gerettet haben uns jene Menschen, die bei uns Obligationen gekauft hatten. Fast alle, 96% davon, haben ihre Obligationen in Aktien umgewandelt. Diese Menschen sind der Grund, warum wir bis heute alle unsere Meilensteine erreichen konnten und optimistisch in die Zukunft blicken. Die beispiellose Solidarität unserer heutigen Aktionäre werde ich nie vergessen.
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